Das Kommunikationsquadrat im Bewerbungsprozess – Selbstdarstellung leicht gemacht

Das Kommunikationsquadrat im Bewerbungsprozess – Selbstdarstellung leicht gemacht

Dr. Andrea Mess

In jedem Job und Karriere Coaching kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem es um die konkrete Arbeit mit Stellenausschreibungen und Bewerbungen geht. Dann kommt bei fast allen Klienten eine Scheu – das was vorher spannend und oft spielerisch war, wird plötzlich unangenehm. Ich nenne das die Scheu vor der Selbstdarstellung. Uns selbst zu loben, haben wir in unserer Kultur kaum gelernt. Ist das Anbiedern? Sich verkaufen? Wie geht das überhaupt?

Ja, wie geht Selbstdarstellung im Bewerbungsprozess, und zwar mit Leichtigkeit? Um dieses Problem im Coaching zu lösen, bietet das Kommunikationsquadrat der Schulz von Thun Schule eine wertvolle Strategie. Es unterstützt den Bewerbungsprozess in zwei wesentlichen Punkten. Zum Einen sorgt es für vollständige Kommunikation, indem es eine einfache und gleichzeitig genial zutreffende Landkarte anbietet, welche Aspekte eine gelungene Äußerung beinhalten sollte. Das sind in aller Kürze die Sach-Ebene mit Informationen, die persönliche Selbst-Mitteilung, das Definieren der Beziehung zum Gegenüber sowie der Appell. Zum Anderen ermöglicht das Kommunikationsquadrat eine geschickte Aufteilung und wirkt damit dem Druck von Selbst-Werbung entgegen.

Bild 1: Das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun, vereinfacht. https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat

Neutrale Sachebene statt verkrampftem Selbst-Lob

Schauen wir uns das genauer an, wie sich z.B. das Anschreiben mit dem Kommunikationsquadrat strukturieren lässt. Das Wichtigste zuerst: bei einer Bewerbung gehören alle Informationen zum Bewerber in die Sach-Ebene. Das ist der eigentliche Inhalt im Bewerbungsanschreiben! Es geht also nicht um Selbst-Lob, sondern um das neutrale Auflisten von Fakten. „Ich bin systemischer Coach mit langjähriger Erfahrung und behalte in schwierigen Situationen die Nerven“ – ist damit eine sachliche Tatsache. Es gehört zu den bewegendsten Momenten meiner Arbeit, dass sich Menschen mit dieser neuen Sichtweise fast automatisch entspannen. Dann macht es plötzlich wieder Freude wie ein Detektiv Fakten anzuführen damit die Anforderungen in der Stellenausschreibung erfüllt sind. Oder die eigene Bewerberstory so zu formulieren, dass sie genau dazu passt. Nüchtern. Klar. Auf den Punkt gebracht. Voilà, die erste Klippe souverän gemeistert!

Persönliche Einblicke geschickt platziert

Dann braucht es natürlich den Ich und Du Aspekt. Erst hier, bei der Selbst-Kundgabe, wird es dann persönlich; die Klienten gewähren dem zukünftigen Arbeitgeber einen Einblick in ihre innere Welt. Hier bieten sich Werte oder Visionen an, die im Coaching herausgearbeitet wurden. Das schafft optimalerweise den Bezug zur Überschneidung mit Werten oder Visionen des Arbeitgebers, die vorher recherchiert wurden. Ich würde z.B. nur mit einem Unternehmen arbeiten, das sich genau wie ich für Menschen, Natur oder Frieden einsetzt. Damit erzeugt ein Klient beim Arbeitgeber das Gefühl, menschlich „eine(r) von uns“ zu sein. Aus langjähriger Erfahrung in Stellenbesetzungs-Komitees weiß ich, wie wichtig das ist. Oft hilft dieser menschliche Faktor über kleinere, (noch) nicht vorhandene Anforderungen hinweg und ist gerne das Zünglein an der Waage, wer dann tatsächlich eingestellt wird.

Bild 2: Auf dem Weg zum Traum-Job. https://pixabay.com/

Der authentische Wunsch bei der Bewerbung

Schlussendlich braucht es noch den Appell an den zukünftigen Arbeitgeber. Auch hier entspannt es die Situation zu wissen, dass ein Bewerber natürlich Wünsche haben darf oder mit der Bewerbung ein Ziel verfolgen darf. Wenn ich das mit Klienten im Coaching unvoreingenommen herausarbeite, lässt es sich überspitzt so zusammenfassen: „Sagen sie allen anderen Bewerbern ab und stellen Sie mich ein!“ Sich zu erlauben, einen vordergründig so unverschämten Wunsch als Ziel wirklich zu fühlen, richtet den Menschen ganz anders aus als ein „mal schauen, ob die mich nehmen“. Natürlich helfe ich als erfahrener Job Coach dabei, eine freundliche und stimmige Formulierung zu finden 🙂 Beim Arbeitgeber erzeugt man so leicht ein Gefühl von „der/die meint es ernst, er/sie will wirklich hier arbeiten und ist nicht bei der ersten Schwierigkeit oder einer besseren Option sofort wieder weg“. Das ist nämlich das größte Problem von Arbeitgebern, die ja oft viel Zeit und Aufwand in die Einarbeitung stecken müssen. Jetzt braucht nur noch eine stimmige Dramaturgie wie die vier Bereiche bei der individuellen Bewerbung sinnvoll passen und ein attraktives Foto – dann können die Unterlagen abgeschickt werden.

Perfekt ausgerichtet für das Job Interview

Auch zur Vorbereitung auf das Job Interview ist das Kommunikationsquadrat wunderbar geeignet. Ich übe mit meinen Klienten oft im Rollenspiel die Standard Eröffnung „Stellen sie sich kurz vor“ mit einer sehr komprimierten Version der oben erarbeiteten Struktur zu beantworten. Also nicht den Fehler zu machen, dann einfach den Lebenslauf runter zu leiern. Sondern das Gespräch mit einer durchdachten, vollständigen Aussage zur Bewerbungssituation zu starten. Der perfekte elevator pitch zur eigenen Person – und sich auch noch wohl fühlen dabei. Auch für weitere Fragen im Job Interview hilft es zu wissen, welche Ebenen gerade angesprochen werden oder noch fehlen. Dann kann man als Bewerber auch mal mutig und geschickt (noch) nicht beachtete Aspekte einfließen lassen und hinterlässt so einen runden, passenden Eindruck. Was ein Einstieg für eine mögliche Anstellung sein kann!

Schreibe einen Kommentar